Eine Woche in Akureyri
Christina Prechtl war mit Erasmus+ in der Stadtbibliothek Akureyri im Norden Islands.
Nach einer längeren Autofahrt nach Akureyri und einer taghellen Nacht bin ich in der Bibliothek erschienen, wo ich sehr freundlich empfangen wurde und mir auch alles genau erklärt wurde. Im Laufe der Woche hatte ich Termine mit den unterschiedlichen Mitarbeiter:innen, die mir jeweils ihre Arbeitsbereiche vorgestellt haben und wir uns gegenseitig upgedatet haben. Da waren viele Aha-Momente dabei, ich hab so viel notiert – und auch menschlich war es so erfrischend!
Ein Bibliotheksgesetz – und was daraus folgt
In Island gibt es ein Bibliotheksgesetz. Es verpflichtet den isländischen Staat und die Kommunen zur Förderung eines flächendeckenden Bibliotheksnetzes, das freien Zugang zu Wissen und Bildung bietet. Deshalb sind auch alle Mitarbeiter:innen hauptamtlich. Was (gefühlt) einen Blick in die Zukunft der österreichischen Bibliotheken ermöglicht, wie in einer Zeitmaschine.
Was meine ich damit? Durch die hauptamtliche Aufgaben(ver)teilung und die Verlagerung der Arbeitszeit von der Ausleihe (Selbstverbucher) zu den jeweiligen Gebieten blieb Zeit und Raum, um sich als soziale Begegnungsräume, Kultur- und Vermittlungsorte weiterzuentwickeln. Jede:r Bibliothekar:in bleibt aber trotzdem mit allen Kunden in Kontakt, da sie abwechselnd Dienst am „circulation desk" haben, wo sie Ansprechpartner:innen für alles sind.
Was dort alles stattfindet
Beginnend mit Makerspaces: Es stehen Nähmaschinen zur Verfügung, Hochbeete, leere Küchen, PLATZ zum Kreativsein (große Tische).
- Jugendliche dürfen auch einfach nur hier sein: auf einem Sofa mit Steckdose und Internet. Wenn sie wollen, gäbe es Platz zum Kreativsein und/oder Spiele spielen oder einen Bookclub zu starten.
- Bibliotheksprogramme für Jugendliche gibt es auch, und sie nutzen sie auch, sogar freiwillig.
- Es gibt haufenweise Swapmarkets: Getauscht werden Kleidung, Faschingskostüme, Pflanzen, Kuchenformen.
- Das Rote Kreuz bietet mehrmals wöchentlich einen gratis Isländischkurs an.
- Prinzipiell jede:r, der/die etwas anbieten möchte, bekommt den Raum und auch noch die Werbung.
- Spieleabende werden genutzt, sie dauern regelmäßig drei Stunden länger als geplant.
- Im Foyer befindet sich eine monatlich wechselnde Ausstellung eines oder einer lokalen Künstler:in.
Die Bibliothekar:innen machen sich Gedanken, wie sie die fremdsprachigen zugewanderten Bewohner:innen informieren können, dass es auch für sie viele Bücher in der Bibliothek gäbe. Am allerbesten ginge das, laut ihnen, mit kostenlosem leiblichen Wohl! Ein guter Anlass, immer mal wieder internationale Essensabende zu machen, die teilweise auch schon so gut besucht waren, dass die Räume aus allen Nähten geplatzt sind.
Die Kinderbibliothek
Als Literaturvermittlerin hat mich die Kinderbibliothek magisch angezogen. Neben einem eigenen Basteltisch und Lagerraum für viel (gespendetes) Bastelmaterial gibt es mehrere Ecken und Teppiche zum Kuscheln und Verstecken, Vorlesen und Schauen.
Kleine Säckchen mit einem Buch und einer Spielfigur zum Buch hängen an den Wänden. Es gibt sehr viele Comics (auch sehr alte). Die Bücher für die Kleinen sind mit einem Farbpunktesystem geordnet, damit sie sie auch selbst finden und zurücklegen können. Es gibt Erzählwürfel, Stillkissen und Kuscheldecken. Etwas, was die Bibliothekarinnen sehr beschäftigt, ist, dass wenige Kinder- und kaum Jugendbücher ins Isländische übersetzt werden.
Herr Fuchs auf Englisch
Am Donnerstag durfte ich dann einen Workshop abhalten – den Herrn Fuchs von Franziska Biermann – auf Englisch. Ich hatte seine karge Schuhschachtelwohnung mit dabei (hat im Flugzeug etwas gelitten), die Waldsachbücher, die Banditenmasken, natürlich den Herrn Fuchs selbst und Salz und Pfeffer. Bei der Vorbesprechung waren die Bibliothekarinnen schon so aus dem Häuschen, dass sie das ganze Haus zusammentrommelten. Das war sehr schön, denn so konnte auch ich ein „kreatives Samenkorn" in Island zurücklassen.
Die Veranstaltung selbst klappte einwandfrei, ich erzählte in (mehrmals geübtem) Englisch, die Kinderbibliothekarin übersetzte ins Isländische. Spätestens als die Kinder dann die Zeichnungen anfertigten, wie sie dem Herrn Fuchs helfen können, wusste ich: Sie haben sehr wohl alles verstanden und sind auch in der „Fuchsenergie". Eine Besonderheit war, dass es ja in Island gar keine Rotfüchse gibt! Dort wohnen die Polarfüchse. Vielleicht mag der eine oder andere Polarfuchs ja auch Bücher zum Fressen gern?
Zwei weitere Bibliotheken
In Ísafjörður, der Hauptstadt der Westfjorde, gibt es eine große Bibliothek, in ein altes Krankenhaus gebaut. Wunderschön, innen und auch die Ausblicke nach außen durch die Fenster.
In Reykjavík erreichte meine Bibliotheksbegeisterung dann noch einen weiteren Höhepunkt, als ich eine der dortigen acht Bibliotheken besuchte: die Kópavogur Main Library, eine dreistöckige riesige Bibliothek der Superlative. Im unteren Stock die Kinderbibliothek, die ein gelungenes Zusammenspiel zwischen Museum und Literatur bietet. Zwischen Walskelett, Pflanzen, verschiedenem Lavagestein, Tieren und Relikten aus Island findet man in unmittelbarer Nähe die Sachbücher dazu. Mein MINT- und Literaturvermittlungsherz hat laut geschlagen!
Der „secret story room"
Ich war so fasziniert, dass ich wohl mit offenem Mund dastand und die Bibliothekarinnen mich ansprachen. Nachdem ich meinen Zustand und meinen Beruf erklärt hatte, zeigten sie mir ihren „secret story room": einen Raum mit geheimer Eingangstür, vielen Vorhängen (hinter denen Bastelmaterial in Hülle und Fülle versteckt ist), Polstern und Teppichen, in dem jede Woche eine andere Literaturvermittlung stattfindet. Ein Traum. Einfach ein Traum. Alles. Der Raum, die Tür, der Platz, das Bastelmaterial und das Lager vor Ort, die Idee, die Möglichkeiten, die Bücher, die Utensilien, die Priorität!
Und Schuhe ausziehen nicht vergessen! Auch in der Bilderbuchecke und im Erstlesebereich. Im Winter ist da einfach zu viel Matsch.
Die Häkelrunde
Oben befinden sich der Erwachsenenbereich und die Belletristik. Neben den Krimis wurde ich Zeuge eines spektakulären Ereignisses: Es trafen sich Damen, auf Fahrrädern kommend, in großen Runden zum Häkeln und ganz laut durcheinander Plaudern. In der Mitte Kekse. Jede arbeitete an ihrem Projekt. Eine Geräuschkulisse, die sein durfte. Kreativität, die sich gegenseitig motivierte und bereicherte. DAS ist es. Was sich nicht wirklich umfassend erklären lässt und auch nicht muss, aber einen ganz wichtigen Schritt in die Bibliothekszukunft darstellt. Gefühlt.
Was ich mitgenommen habe
Das Erasmusprojekt war eine große Inspiration im „Denken der Zukunft von Bibliotheken", ein Formen von Visionen und Ideen für das praktische Umsetzen. Ja, ich würde sagen, es war eine Zeitreise, die mein Berufsbild als Bibliothekarin gestärkt hat. Zwischen all dem Chaos fehlt oft die Zeit zu reflektieren: Warum mache ich die Bibliotheksarbeit eigentlich so gern, warum habe ich mich für diesen Beruf entschieden und nicht zum Beispiel für einen hochbezahlten Job in der Wirtschaft?
Weil Bibliothekarin sein einfach alles ist: Pädagogin, Seelsorgerin, Managerin, Social-Media-Expertin, Talenteschmiedin, Literaturreferentin und Vermittlerin, Märchentante, Schauspielerin, Lobbyistin, Freundin. Man ist in Kontakt mit vielen interessanten Menschen und Institutionen, erkennt Potenzial. Das ist schön und macht es unheimlich interessant.
Aber auch meine „Zeitreise in die Zukunft" zeigt: Bibliotheken öffnen sich von reinen „Wissenslagerungsstätten" zu sozialen Begegnungsorten, Vermittlungsgelegenheiten, Auszeitplätzen ohne Gegenleistung, kreativen Entfaltungsmöglichkeiten, Entspannungs- sowie Arbeitsplätzen, erster Anlaufstelle für diverse Veranstaltungen, Lehr- und Lernorten, Ideenwerkstätten und vielem mehr. Und so vielfältig ich als Bibliothekarin bin, so vielfältig ist auch meine Bibliothek. Auch ich als Bibliothekarin kann meine Interessen und Energien konstruktiv umsetzen und damit weitere Menschen inspirieren und motivieren! Das geht nicht in vielen Berufen, wenn wir uns ehrlich sind.
Ich werde diese Energie auch nutzen, um 2027 einen Podcast zu starten, mit vielen interessanten Interviewpartner:innen, um gemeinsam in die Zukunft der Bibliotheken zu denken! Denn Wissen und Erfahrung sollen geteilt werden, damit alle etwas davon haben – das ist schließlich auch der Sinn und Gedanke hinter Erasmus.